Das Schläfenbein ein kleiner Knochen mit erstaunlich vielen Verbindungen
Hast du schon einmal den Gedanken gehabt, deine Hände ganz sanft an die Schläfen zu legen und einfach wahrzunehmen, was diese Berührung in dir auslöst?
Oder die Schwingung einer Stimmgabel hinter dem Ohr zu spüren und zu beobachten, was sich dadurch in deiner Wahrnehmung verändert?
Was zunächst nach einer sehr einfachen Berührung klingt, führt zu einer erstaunlich komplexen Region des Schädels.
Das Schläfenbein, Os temporale, liegt beidseits an den Außenseiten des Schädels. Es beherbergt wichtige Strukturen des Mittel und Innenohrs, ist an der Bildung des Kiefergelenks beteiligt und steht über zahlreiche Verbindungen mit weiteren Schädelknochen und der oberen Halsregion in Beziehung.
Gerade diese Vielzahl an Verbindungen macht das Schläfenbein für die craniosacrale Körperarbeit so interessant.
Das Schläfenbein als Teil eines größeren Systems
Ein Knochen arbeitet im Körper niemals vollständig isoliert.
Das Schläfenbein steht unter anderem mit dem Scheitelbein, dem Keilbein und dem Hinterhauptbein in Verbindung. Über funktionelle Zusammenhänge reicht seine Bedeutung darüber hinaus bis zum Unterkiefer, zum Zungenbein und in die obere Halsregion.
Auch die Membranstrukturen innerhalb des Schädels stehen mit dieser Region in Beziehung.
Gleichzeitig befinden sich im Schläfenbein wesentliche Strukturen des Hör und Gleichgewichtssystems. Und über das Kiefergelenk ist es unmittelbar mit einer Region verbunden, die wir täglich bewegen, belasten und häufig auch unbewusst anspannen.
Damit treffen an einer relativ kleinen Stelle sehr unterschiedliche Wahrnehmungsebenen aufeinander.
Hören.
Gleichgewicht.
Kieferbewegung.
Orientierung.
Körperwahrnehmung.
William G. Sutherland, einer der Begründer der cranialen Osteopathie, bezeichnete das Schläfenbein deshalb scherzhaft als eine Art „Unruhestifter“ unter den Schädelknochen.
Was Berührung verändern kann
In der craniosacralen Arbeit geht es nicht darum, einen Knochen mit Kraft in eine bestimmte Position zu bringen.
Vielmehr steht die Wahrnehmung im Mittelpunkt.
Eine sanfte Hands on Berührung an den Schläfen kann bereits ausreichen, um die Aufmerksamkeit auf diese Region zu lenken. Die Hände geben dabei keinen starken mechanischen Reiz vor. Sie schaffen zunächst einen Kontakt, über den der eigene Körper bewusster wahrgenommen werden kann.
Wenn du die Hände seitlich an die Schläfen legst und einige Atemzüge ruhig verweilst, kannst du beobachten, was sich verändert.
Wie fühlt sich der Kiefer an?
Wie wird der Bereich um die Ohren wahrgenommen?
Verändert sich der Atem?
Gibt es einen Unterschied zwischen der rechten und linken Seite?
Vielleicht entsteht ein Gefühl von Weite. Vielleicht wird die Region zunächst überhaupt erst deutlicher wahrnehmbar.
Genau diese feinen Veränderungen sind interessant.
Denn Körperwahrnehmung entsteht nicht ausschließlich durch starke Reize. Häufig wird sie gerade dann differenzierter, wenn wir einen Bereich ruhig wahrnehmen, ohne ihn unmittelbar verändern zu wollen.
Das Schläfenbein und die 128 Hz Stimmgabel
Eine weitere Möglichkeit eröffnet die Arbeit mit Klang.
Die 128 Hz Stimmgabel wird in meiner Arbeit besonders für die körperorientierte Anwendung eingesetzt. Über den Steinaufsatz lässt sich die Schwingung gezielt an den Körper übertragen und nicht nur akustisch, sondern auch körperlich wahrnehmen.
Für die Arbeit im Bereich des Schläfenbeins kann der Steinaufsatz auf den gut tastbaren Knochenvorsprung direkt hinter dem Ohr gesetzt werden, den Warzenfortsatz, Processus mastoideus.
Die Stimmgabel wird sanft angeschwungen und die Schwingung für einige Atemzüge wahrgenommen.
Dabei ist nicht entscheidend, eine bestimmte Reaktion hervorzurufen.
Interessanter ist die Beobachtung:
Wo wird die Schwingung wahrgenommen?
Bleibt sie an ihrem Ausgangspunkt?
Verändert sich die Wahrnehmung im Bereich des Kiefers?
Wird das Ohr bewusster wahrgenommen?
Entsteht ein anderes Empfinden für die rechte und linke Seite des Kopfes?
Oder verändert sich die gesamte Wahrnehmung des Kopfes?
Die Antwort darauf ist individuell.
Warum Schwingung eine andere Form der Wahrnehmung ermöglicht
Klang wird gewöhnlich über das Ohr wahrgenommen. Bei der osteophonischen Anwendung kommt eine weitere Ebene hinzu.
Die Schwingung wird über den Körper erfahren.
Damit verändert sich auch die Qualität der Aufmerksamkeit. Statt einen Bereich lediglich gedanklich zu betrachten, entsteht ein unmittelbarer sensorischer Reiz, der die Körperwahrnehmung auf eine bestimmte Region konzentriert.
Gerade darin liegt für mich eine der Qualitäten der Stimmgabelarbeit.
Sie verlangt nicht zwangsläufig mehr Kraft oder mehr Intensität.
Sie schafft vielmehr einen klaren Impuls, auf den der Körper aufmerksam reagieren kann.
Was kann sich durch eine wiederholte Anwendung verändern?
Eine einzelne Anwendung muss dabei nicht spektakulär sein.
Manchmal ist die Veränderung sehr subtil.
Mit wiederholter und achtsamer Anwendung kann sich jedoch die eigene Wahrnehmungsfähigkeit für diese Region verfeinern. Manche Menschen erleben dabei mehr Ruhe, eine klarere Wahrnehmung des Kopfbereichs oder ein Gefühl von Weite und Ausrichtung.
Dabei geht es nicht darum, das Schläfenbein „zu korrigieren“ oder eine bestimmte Position herzustellen.
Der entscheidende Punkt ist vielmehr die Selbstwahrnehmung.
Je genauer wir wahrnehmen können, desto besser können wir auch unterscheiden, was sich in unserem Körper tatsächlich verändert.
Das ist ein wichtiger Unterschied zwischen einer rein mechanischen Herangehensweise und einer Körperarbeit, die Wahrnehmung als Teil des Prozesses versteht.
en der Körper aufmerksam reagieren kann.
Das Schläfenbein in der Yoga Praxis
Auch im Yoga lässt sich diese Wahrnehmung aufgreifen.
Der Kiefer, die Zunge, der Hals, der Schultergürtel und die Atmung stehen funktionell miteinander in Beziehung. Eine Praxis, die diese Zusammenhänge berücksichtigt, kann deshalb weit über die einzelne Bewegung hinausgehen.
Manchmal reicht bereits die Frage:
Was verändert sich in meinem Kiefer, wenn ich meine Atmung verändere?
Oder:
Was geschieht mit meiner Wahrnehmung, wenn ich nicht mehr versuche, eine Position zu erreichen, sondern zunächst beobachte, wie mein Körper darauf reagiert?
Damit entsteht eine Verbindung zwischen Bewegung, Atem und Wahrnehmung.
Die Berührung wird zur Orientierung.
Die Bewegung wird zur Erfahrung.
Und die Schwingung wird zu einem weiteren Zugang zum Körper.

Audiosakrale Körperarbeit
Genau an diesem Punkt beginnt für mich das Audiosakrale.
Klang wird nicht nur gehört. Er wird über den Körper erfahren.
In Verbindung mit bewusster Berührung, Atem und Bewegung entsteht eine Praxis, in der wir unseren Körper nicht nur von außen betrachten oder verändern wollen, sondern lernen, seine feinen Reaktionen wahrzunehmen.
Das kann besonders wertvoll sein, wenn gerade keine Behandlung stattfindet und wir selbst etwas für unsere Körperwahrnehmung tun möchten.
Nicht mit dem Anspruch, den Körper korrigieren zu müssen.
Sondern mit der Bereitschaft, ihm zuzuhören.
Das Schläfenbein ist dafür ein faszinierender Ausgangspunkt. Ein relativ kleiner Bereich des Schädels, der mit dem Hören, dem Gleichgewicht, dem Kiefer und zahlreichen weiteren Strukturen verbunden ist und uns gleichzeitig einen Zugang zu einer sehr feinen Form der Körperwahrnehmung eröffnen kann.
Ein kleiner Bereich des Schädels verbindet so viele unterschiedliche Wahrnehmungsebenen miteinander.
Vielleicht liegt genau darin seine besondere Faszination.
Audiosakrale Arbeit nach René Hug
In meiner Arbeit verbinde ich craniosacrale Körperwahrnehmung mit Klang, Schwingung und bewusster Berührung.
Die Stimmgabel wird dabei nicht isoliert betrachtet, sondern als ein Werkzeug eingesetzt, das die Wahrnehmung des Körpers auf besondere Weise unterstützen kann.
In meinen Kursen und Ausbildungen zeige ich, wie diese verschiedenen Ebenen miteinander verbunden werden können und wie sich daraus eine achtsame, körperorientierte Praxis entwickeln lässt.
Auch in meinen Online Videos zur Stimmgabelarbeit und in meinen weiteren Videos zur craniosacralen Körperarbeit vermittle ich diese Zusammenhänge und zeige konkrete Möglichkeiten, wie Klang, Berührung und Körperwahrnehmung miteinander verbunden werden können.
So kann das, was zunächst als einfache Berührung oder Schwingung beginnt, zu einer bewussten eigenen Praxis werden.
Ein kleiner Bereich des Schädels, der uns daran erinnern kann, wie viel Wahrnehmung in unserem Körper möglich ist.



